OBDACHLOS - GESCHICHTEN VON MENSCHEN FÜR MENSCHEN

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Ihr Zuhause ist seit fünf Jahren die Straße

 

Quelle: "Kölner Rundschau"

Von SARAH SCHMIDT, 24.12.08, 07:06h


Die Scheidung sei schuld daran, dass sie auf der Straße gelandet sei. Marianne B. (Name geändert) ist 41 Jahre alt. Seit fünfeinhalb Jahren lebt sie auf den Straßen der...

 

EUSKIRCHEN. Die Scheidung sei schuld daran, dass sie auf der Straße gelandet sei. Marianne B. (Name geändert) ist 41 Jahre alt. Seit fünfeinhalb Jahren lebt sie auf den Straßen der Kreisstadt. Wer ihr begegnet, wird sie nicht automatisch der Obdachlosenszene zuordnen: Die dunkle Jeans und die weiße Winterjacke mit Kapuze sind ordentlich und sauber. Die dunkelblonden Haare hängen ihr bis ans Kinn. Hygiene sei ihr trotz der Umstände immer wichtig gewesen.

 

Um ihre Beine schlängelt sich ihr treuer Begleiter: Mischlingshund Topsi. „Der ist mein Halt,“ beteuert Marianne. Den Hund hat sie zum 40. Geburtstag von einem „Gleichgesinnten“ geschenkt bekommen - das einzige Geschenk in den letzten Jahren auf der Straße.

 

„Früher haben wir ganz normal Weihnachten gefeiert“, sagt Marianne. Mit „wir“ meint sie ihren damaligen Ehemann, ihren Sohn und ihre Tochter. Die Kinder hat sie seit über vier Jahren nicht mehr gesehen. Von ihrem heutigen Ex-Mann will sie auch nichts mehr hören und sehen. „Er hat mich verprügelt“, sagt Marianne mit leiser Stimme. Es war eine Zeit in ihrem Leben, an die sie nicht gerne zurück denkt.

 

Irgendwann sei die Situation unerträglich geworden. Dann sei ihr Mann einfach gegangen und habe sie mit der 120 Quadratmeter großen Wohnung sitzen lassen. „Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen“, sagt Marianne mit zitternder Stimme. Sie redet sehr schnell. Manchmal zu schnell, und die Schilderungen überschlagen sich. Sie habe damals eine schwere Krise gehabt - selbst die Post habe sie nicht mehr geöffnet.

 

An dem Tag, als sie aus der Wohnung musste, habe ihr Bruder noch schnell die Möbel abgeholt. Dann sei der Gerichtsvollzieher gekommen. Mit einer Hand voll Klamotten stand Marianne auf der Straße. Die Erinnerungen an die für sie schlechten Zeiten sind ein Grund, warum sie lieber gar nicht an den heiligen Abend denken will.

 

Manchmal habe sie sogar so viel getrunken, dass sie gar nicht wusste, dass überhaupt der 24. Dezember sei. Seitdem sie obdachlos sei, sei Weihnachten eine traurige, schlechte Zeit. Doch: „Weihnachten ist für mich eigentlich ein Familienfest“ , fügt Marianne mit einem Lächeln hinzu. Die Zeit auf der Straße machte Marianne bewusst, dass Geschenke an Weihnachten nicht wichtig sind: „Dass man sich versteht, das ist viel wichtiger.“

 

Denn sie blickt frohen Mutes in die Zukunft: In diesem Jahr hat sie die Chance, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen. Ihr Mutter hat sie eingeladen, den Heiligabend mit ihr und den Kindern zu verbringen. Schritt für Schritt will Marianne ihr Leben ändern. Die Straße soll nicht länger ihr zu Hause sein. Darum sucht Marianne jetzt dringend nach einer Wohnung. Das einzige Problem: Die Vermieter begegnen ihr mit Skepsis. „Dabei wird die Miete von meinem Hartz IV-Geld doch direkt auf deren Konto überwiesen“, zeigt sich Marianne darüber bestürzt.

 

Gerade im Winter sei das Leben auf der Straße hart. Täglich müsse sie ihren Alltag neu organisieren. Eine immer wiederkehrende Frage sei: „Wo schlafe ich heute?“ In der kalten Zeit nutzt Marianne die Notschlafstelle der Caritas: „Ich habe auch schon öfters auf einer Parkbank geschlafen.“ In den ersten Jahren habe sie komplett auf der Straße gelebt. „Im Winter habe ich dann gezeltet“, erzählt Marianne und fügt hinzu: „Das ist ein hartes Leben draußen.“ Essen geht Marianne überwiegend bei der Caritas.

 

Denn betteln will sie nicht. „Ich kann nicht kötten gehen, so tief will ich nicht sinken.“ Die Caritas zahlt ihr von den 351 Euro Hartz IV-Geld Tagessätze aus. Und wenn die Caritasstelle auf der Kommerner Straße geschlossen hat, sucht sich Marianne mit ihrer Clique einen anderen Treffpunkt in der Kreisstadt. „Wenn wir alle zusammen sind, sind wir bestimmt 20 Leute.“ Obwohl sich jeder um den anderen kümmere, habe sie nur drei wahre Freunde.

 

Es sei zudem immer schwieriger, einen Aufenthaltsort zu finden. Früher hätten sie oft am Bahnhof rumgehangen. Doch inzwischen wurde Marianne elf Mal wegen Hausfriedensbruch angezeigt. Dafür muss sie jetzt Sozialstunden leisten.

Doch: „Was will man in den Wintermonaten machen?“ Ihre Hoffnungen richtet Marianne jetzt auf die Zukunft: Engeren Kontakt zu den Kindern, eine Wohnung und Arbeit sind ihre Wünsche für das neue Jahr. Wenn das alles klappe, habe sie auch keinen Grund mehr, so viel Alkohol zu trinken.

„Das mache ich eh nur aus Langeweile - und damit der Tag schneller vorbei geht.“ Und, sagt Marianne, falls Probleme auftauchten. Die hätte sie ja nicht mehr, wenn sie eine Wohnung habe.

 

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